“VASHT feels like a return to the weaving of a rug abruptly interrupted midway – each movement a thread, each progression a knot. A carpet that holds the potential to become our translocal territory, one we carry the responsibility to collectively entwine.”
Maria Dogahe (programmer at Kaaitheater in Brussels)
In her new group piece, VASHT, Ulduz Ahmadzadeh draws on intersections along the Silk Road to map the spread of ancient dance knowledge and its complex genealogies. In a choreographic reinterpretation of this movement material and against the background of current neocolonial trade infrastructures such as the Belt and Road Initiative, VASHT navigates between remembrance and resistance. This way, an energetic homage to the resilience of cultural knowledge emerges.
VASHT explores dance practices performed by different ethnic groups across national borders in Central and Southwest Asia. In some cases, these dances have become an act of resistance against systematic cultural oppression in totalitarian regimes and post-colonial societies. Each dance has its own distinctive features and is performed differently depending on location and context. While some of these dances are very popular and widely performed, others are relatively unknown, practised only by dance masters and their groups, and are gradually disappearing. This is due to a lack of research, documentation and archiving, as well as strict bans on dancing. In Iran, many of the country’s dances are under threat of extinction.
In her ongoing research, Ulduz Ahmadzadeh reveals connections and similarities between dance practices from Central and Southwest Asia, as demonstrated in the pieces TARAB (2022) and ZĀĀR (2024). Ulduz Ahmadzadeh and the ATASH contemporary dance company celebrate the multifaceted nature of these dances. Rather than subjecting them to rigid musealisation, they update and position them in contemporary dance, taking into account the dancers‘ diverse dance backgrounds.
Credits
Artistic co-direction, choreography Ulduz Ahmadzadeh
Artistic co-direction, scenography Till Jasper Krappmann
Performance, co-creation Desi Bonato, Naline Ferraz, Andrei Nistor, Adela Maharani, Abdennacer Leblalta Composition, sound design Pouya Ehsaei
Light design Benjamin Maier
Artistic assistance Deborah Manavi
Collaboration costume design Rebecca Kopp
Production management partner in crime, Julia Neuwirth
Co-produced by ATASH عطش contemporary dance company, Tanzquartier Wien and Kaaitheater, Brussels Supported by the Municipal Department of Cultural Affairs, Vienna, and the Austrian Federal Ministry of Arts, Culture, the Civil Service and Sports Residency Tanzhaus Zürich


Deutsch
In ihrem neuen Gruppenstück VASHT orientiert sich Ulduz Ahmadzadeh an Knotenpunkten der Seidenstraße,
um die Ausbreitung von uraltem Tanzwissen und dessen vielschichtige Genealogien zu kartografieren. In der
choreografischen Neuinterpretation dieses Bewegungsmaterials und vor dem Hintergrund aktueller neokolonialer Handelsinfrastrukturen wie der Belt and Road Initiative navigiert VASHT zwischen Erinnerung und Widerstand.
Das Stück beschäftigt sich mit Tänzen, die über Ländergrenzen hinweg von verschiedenen Ethnien in Zentral-und Südwestasien getanzt werden, und teilweise in totalitären Regimen und postkolonialen Gesellschaften zu einem Akt des Widerstands gegen systematische kulturelle Unterdrückung geworden sind. Jede dieser Tanzpraktiken hat ihre eigenen charakteristischen Merkmale, die aber wiederum je nach Ort und Kontext unterschiedlich ausgeführt werden. Einige dieser Tänze sind sehr populär und werden nach wie vor viel getanzt, während andere eher unbekannt sind, nur von Tanzmeister*innen und ihren Gruppen praktiziert werden und zunehmend verschwinden. Aufgrund mangelnder Forschung, Dokumentation und Archivierung sowie strikter Tanzverbote im Iran sind viele der Tänze dort vom Aussterben bedroht.
Im Altpersischen bezieht sich das Wort „vasht“ auf Tanz als Ausdruck von Transzendenz.
VASHT ist der dritte Teil einer Trilogie. In Fortsetzung ihrer langjährigen Forschung sucht Ulduz Ahmadzadeh darin nach Verbindungen und Ähnlichkeiten zwischen unterschiedlichen Tanzpraktiken aus Zentral- und Südwestasien, die auch schon in den Stücken TARAB (2022) und ZĀĀR (2024) zu sehen waren. Ulduz Ahmadzadeh und ihr Ensemble geben dem Facettenreichtum dieser Tänze Raum. Anstatt sie einer starren Musealisierung zu unterziehen, aktualisieren und positionieren sie sie – unter Einbeziehung der unterschiedlichen Tanzbiografien der Tänzer*innen – im zeitgenössischen Tanz. Mit überschäumender Lebensfreude, kontextualisiert in traditionellen Riten und begleitet von einem charmant-süffisanten Dschinn, alternieren narrative Szenen mit abstrakten, von komplexen rhythmischen und räumlichen Mustern durchzogenen Choreografien. Verboten oder erlaubt, von Männern oder von Frauen getanzt, im Geheimen oder öffentlich, bei Hochzeiten oder auf der Bühne – die Tänze in VASHT wurden über Jahrhunderte durch Migrationsströme entlang der Seidenstraße weitergegeben und kontinuierlich transformiert. Ulduz Ahmadzadehs Praxis zielt daher auf eine Destabilisierung der angenommenen Linearität von Tanzgenealogien. Diese Tänze sind seit langer Zeit mobil und fluide, sie migrieren und widersprechen westlichen
Vorstellungen von Zuordenbarkeit und Kategorisierung. Wie aber werden sich die kulturellen Praktiken dieser
Region unter dem Einfluss der aktuellen ökonomischen Vorhaben der sogenannten „Neuen Seidenstraße“
entwickeln?
VASHT zelebriert den Reichtum dieses kulturellen Erbes und seiner widerständigen Schönheit,
transzendiert die engen Vorstellungen des (westlichen) zeitgenössischen Tanzes und plädiert für eine komplexe,
politische Tanzgeschichtsschreibung.
Pouya Ehsaeis Komposition für das Stück ist von der vielfältigen Musik des Iran, Zentral- und Südwestasiens
inspiriert und erzeugt eine mythische Klanglandschaft, die die dichte Erzählung und die komplexen visuellen
Merkmale des Stücks begleitet. Von einem Augenblick auf den anderen wechselt der Sound von ätherischen
und texturierten Klängen zu industriellen und basslastigen Rhythmen. Von den schwachen und verzerrten
Tonaufnahmen lokaler Straßenmusiker*innen bis hin zu schroffen Geräuschen und dunklen Atmosphären
verbindet der Sound von VASHT nahtlos Elemente zeitgenössischer experimenteller elektronischer Musik mit
der Tradition der mündlich überlieferten Musik der Region.